Eine Wanderung durch die Berliner Baugeschichte.
Es gibt zwei Städte, die die gesamte deutsche Baugeschichte repräsentieren: Berlin und Köln. Köln von der Antike bis zum Ende des Mittelalters und Berlin, das vielleicht von Köllnern mitbesiedelt wurde, von der Renaissance bis in die Gegenwart. Kein Wunder, dass die zwei bekanntesten Gebäude dort stehen: der Kölner Dom, um die Zeit seiner Gründung 1248 wird Berlin gerade zum ersten Mal aktenkundig. Und das Brandenburger Tor, mit dem Berlin Avantgarde der Weltarchitektur ist. Diese Rolle besaß Köln im Mittelalter, unvergleichlich sind die romanischen Kirchen und im Dom kulminiert die Gotik. Ebenso unvergleichlich ist der Berliner Klassizismus. Und das Bauhaus als ein wesentlicher Teil der Moderne, ist, kess gesagt, eine Berliner Erfindung.
Köln ist monozentrisch, der Dom ist sichtbar die Mitte und auf einem Halbkreis, der „via sacra“, kann man Kölns Romanik erwandern. Berlin ist polyzentrisch, oder, um einen neuen Titel Bob Dylans abzuwandeln, „Berlin contains multitudes“. Jeder Bezirk ist sein eigener Kosmos, und alle glauben das auch von ihrem Kiez. Berlin kann man nicht erwandern, und die Bezirke sind Großstädte. Aber man kann ihre Eigenarten entdecken, ihre Bedeutung in der Stadtentwicklung, ihre Position zu Berlins Mitte, die Spuren von Schinkel und den Modernen, um so im Kleinen ein Bild des Gesamten zu erkennen – pars pro toto.
DAS KLASSISCHE BERLIN, vom Gendarmenmarkt zum Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum
„Der Ausdruck ‚klassisch‘ bezeichnet ganz allgemein jene Form, die sich an den klassischen Vorbildern der griechisch-römischen Antike, im Sinne von anerkannter Autorität,
orientiert.“ Das Zitat von Nikolaus Pevsner bezieht sich auf die Renaissance und ausdrücklich auf den Klassizismus. Diesem gab Johann Joachim Winckelmann, der Begründer der Kunstgeschichte, mit seinem geflügelten Wort „edle Einfalt, stille Größe“ sein Motto. Ursprünglich, einfach und präzise – das kam dem kargen und disziplinierten Preußen entgegen, in dem selbst das Barock gedämpft ist, wie die Türme auf dem Gendarmenmarkt und das erste Schauspielhaus von Carl Gotthard Langhans, der die denkmalgeschützten Kolonnaden in der Anton-Wilhelm-Amo-Straße im palladianischen Stil entwarf. Sein Brandenburger Tor ist die Inkunabel des Berliner Klassizismus, dem Schinkel etwas Charme verlieh. Ihm gelang es mit der Friedrichwerderschen Kirche, selbst die Gotik klassizistisch zu zähmen und in der Bauakademie den rationalen Kern aller Klassik freizulegen.
Deshalb schätzten die Rationalisten Ungers und Kleihues, die beide am Gendarmenmarkt gebaut haben, Schinkel, und deshalb fügen sich die schlanken Pfeiler der James-Simon-Galerie so selbstverständlich in die Museumsinsel. Mies van der Rohe, dessen Neue Nationalgalerie Chipperfield gerade restauriert hat, war im Berliner Büro von Peter Behrens zusammen mit Gropius und Le Corbusier. Sie wurden die Protagonisten des Rationalismus der 1920er Jahre, der jetzt unter „Klassische Moderne“ firmiert, von der aber nur ein kleines Beispiel an unserem Weg liegt.