Die Architektenkammer Berlin setzt sich für eine neue (Um-)Baukultur ein. Mit der Berliner Umbauagenda verfolgt sie ein klares Ziel: nachhaltiges, ressourcenschonendes und klimaneutrales Bauen im Bestand zu fördern und zugleich bestehende Gebäude und das baukulturelle Erbe Berlins ebenso langfristig weiterzuentwickeln wie den sozialen Zusammenhalt.
Berlin wächst – aber nicht für alle. Die Bevölkerung nimmt weiter zu und die Angebotsmieten sind in den letzten zehn Jahren massiv gestiegen: der Median von 9,00 €/m² im Jahr 2016 auf 15,78 €/m² im Jahr 2025 – ein Plus von 75,3 Prozent1. Gleichzeitig wurden in den letzten fünf Jahren nur 5.1752 neue Sozialwohnungen gebaut, während 17.1003 aus der Sozialbindung gefallen sind.
Der Büroflächenleerstand in Berlin liegt aktuell bei 7,7 Prozent4 – Flächen, die leer stehen, obwohl Wohn- und Gemeinbedarfsraum dringend gesucht werden. Allein in Berlin sind das 1,75 Millionen Quadratmeter5 ungenutzter Fläche mit erheblichem Umnutzungspotenzial. Und der tatsächliche Leerstand dürfte noch deutlich höher liegen, weil viele leer stehende Flächen gar nicht gemeldet werden.
Der Gebäudesektor trägt erheblich zur Klimakrise bei. Der Betrieb von Gebäuden verursacht „in Deutschland etwa 35 Prozent des Endenergieverbrauchs und rund 30 Prozent der CO₂-Emissionen“6. Dazu kommt die graue Energie, also die CO₂-Emissionen, die bei Herstellung, Transport und Einbau von Baumaterialien entstehen und in diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt sind. Jedes abgerissene Gebäude vernichtet die in ihm gebundene Energie unwiederbringlich.
Dabei birgt der Bestand enorme Potenziale in Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz. Er ist nicht nur bauliche Ressource, sondern zugleich Träger von Identität, Nachbarschaft und Geschichte.
90 Prozent der Fachleute, die im ersten Quartal 2026 an einer Umfrage der Architektenkammer Berlin teilgenommen haben, arbeiten schon heute konkret mit dem Bestand. Umbau ist also keine Zukunftsvision. In Planungsbüros, Verwaltungen, Handwerksbetrieben und Initiativen quer durch die Stadt ist er gelebte Realität. Und dennoch kämpft, wer umbaut: mit Normen, die für den Neubau geschrieben wurden, gegen Förderlogiken, die den Abriss begünstigen, und gegen Genehmigungsverfahren, die den Bestand strukturell benachteiligen. Die größten Hindernisse liegen nicht im Gebäude selbst, sie liegen in den aktuellen Rahmenbedingungen des Baugeschehens: veraltete Rechtsnormen, fehlende Finanzierungswege, mangelnde Kompetenz und eine Bewertungspraxis, die den ökologischen und sozialen Wert des Bestands nicht abbildet.
Die Berliner Umbauagenda ist die Antwort auf diese strukturellen Hemmnisse. Sie gründet auf Stimmen aus der gesamten Berufsbreite der gebauten Umwelt: Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Ingenieurwesen, öffentliche Verwaltung, Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, Handwerk, Industrie, Zivilgesellschaft und Forschung.
Auf Basis der Umfrageergebnisse haben beim Umbau-Lab am 4. Mai interdisziplinäre Arbeitsgruppen neun Handlungsfelder vertieft und konkrete Maßnahmen erarbeitet. Die Handlungsfelder waren: Recht und Governance; Ressourcen und Kreislaufwirtschaft; soziale und kulturelle Perspektiven; Umnutzung und Transformation; Daten und Digitalisierung; ökologische Wirkung und Klimaanpassung; Ökonomie und Finanzierung; Wissen, Kompetenzen und Qualifizierung sowie Prozesse, Zusammenarbeit und Umbaukultur.
Ergebnis der gemeinsamen Arbeit ist diese Agenda für einen Paradigmenwechsel. Eine Agenda, die nicht nur Gebäude, sondern Regeln, Prozesse, Bewertungsmaßstäbe und Kompetenzen weiterentwickeln will. Weil der nachhaltigste Quadratmeter der ist, der erhalten, weitergenutzt und intelligent transformiert wird.
Die Architektenkammer Berlin hat diesen Prozess initiiert und begleitet. Wir danken allen, die an der Umfrage teilgenommen und am Umbau-Lab mitgewirkt haben, für ihre Impulse, ihre Expertise und ihr Engagement.
Die Berliner Umbauagenda beginnt hier. Und sie gehört allen, die täglich mit dem Bestand arbeiten.
1 IBB Wohnungsmarktbericht 2025
2 IBB Wohnungsmarktbericht 2025
3 Wohnungsmarktbericht Berlin 2025
4 JLL Berlin Büromarktbericht Q1 2025
5 JLL Berlin Büromarktbericht Q1 2025
6 Umweltbundesamt – Energiesparende Gebäude 2025